Zwischen Bildschirm und Balance: Wie Kinder Medien gesund nutzen

Dr. med. Manfred Blütgen, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am AMEOS Klinikum Ueckermünde, gibt Tipps für den Umgang mit Smartphone und Co.

Im Jahr 2010 lag der Anteil der Smartphone-Besitzer in Deutschland noch schätzungsweise bei rund 15 – 20 Prozent der Bevölkerung. Heute ist das Smartphone bei fast allen ein ständiger Begleiter im Alltag. Mit ihm sind digitale Netzwerke, Messenger und Videos jederzeit verfügbar. Gerade für Kinder und Jugendliche bringt diese Entwicklung viele Chancen, aber auch Risiken mit sich.

Wie ein gesunder Umgang mit digitalen Medien gelingen kann, beschreibt eine gemeinsame Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP). Die Experten plädieren für einen bewussten, altersgerechten Umgang mit solchen Medien und mehr Medienkompetenz. 

Für Kinder unter drei Jahren empfehlen die Experten keine Nutzung digitaler Medien. Bei Vier- bis Fünfjährigen sollte die tägliche Medienzeit auf maximal 30 Minuten begrenzt und gemeinsam mit den Eltern gestaltet werden. Für ältere Kinder und Jugendliche stehen vor allem die weitere Entwicklung einer Medienkompetenz, wirksamer Jugendschutz und die Förderung analoger Freizeitangebote im Mittelpunkt. 

Auch Dr. Manfred Blütgen, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am AMEOS Klinikum Ueckermünde, beobachtet die rasante Entwicklung mit gemischten Gefühlen. Die langfristigen Auswirkungen einer intensiven digitalen Mediennutzung seien wissenschaftlich noch nicht vollständig geklärt. Deshalb müsse man Chancen und Risiken sorgfältig gegeneinander abwägen.

Aus seiner täglichen Arbeit weiß Dr. Blütgen, dass viele Kinder und Jugendliche mit der digitalen Welt überfordert sind. Sie benötigen Orientierung, feste Strukturen und vor allem Medienkompetenz. „Ein pauschales Verbot ist genauso wenig sinnvoll wie ein völliges Gewährenlassen“, betont Dr. Blütgen. Stattdessen plädiert er für einen gesunden Mittelweg. Nach Einschätzung des Kinder- und Jugendpsychiaters kommt es dabei nicht nur auf die Dauer der Mediennutzung an, sondern auch auf individuelle Schutzfaktoren. Kinder mit einem gesunden Selbstbewusstsein, einer guten Emotionsregulation und guten kognitiven Fähigkeiten könnten Risiken besser begegnen. Ebenso wichtig seien ausreichende analoge Freizeitaktivitäten, regelmäßige Bewegung und Zeit im Freien. Auf Seiten der Eltern spielten Erziehungskompetenz, klare Regeln für den Medienkonsum, gemeinsame Mediennutzung – etwa beim Vorlesen oder Anschauen altersgerechter Inhalte – sowie eine positive Beziehung innerhalb der Familie eine entscheidende Rolle.

Die Eltern bilden dabei die wichtigste Grundlage. Sie seien Vorbilder im Umgang mit Smartphone und Co. Wenn Erwachsene schon beim Spaziergang auf das Display statt auf ihr Kind schauen, sende das die falschen Signale. Gerade Kleinkinder profitieren von direkter Kommunikation, Blickkontakt und gemeinsamen Erlebnissen – nicht vom Bildschirm.

Wie ein bewusster Umgang funktionieren kann, erlebt Dr. Blütgen täglich in der Klinik. Dort gibt es handyfreie Zeiten, Mobiltelefone stehen altersabhängig und in einem begrenzten Zeitraum zur Verfügung. Die digitale Pause bringe für die jungen Patientinnen und Patienten eine durchaus positive Erfahrung mit sich.

Mit zunehmendem Alter wachse die Fähigkeit, Inhalte kritisch einzuordnen. Ab etwa 14 Jahren sei bei vielen Jugendlichen eine gewisse Reife vorhanden. Dennoch bleibe wichtig, dass Eltern Interesse zeigen, Gespräche suchen und auch Grenzen setzen. Denn die tägliche Online-Zeit habe in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen.

Die Botschaft des Kinder- und Jugendpsychiaters ist klar: Weder völlige Kontrolle noch grenzenloses Geschehenlassen führen zum Ziel. Digitale Medien bieten viele Möglichkeiten und gehören selbstverständlich zum Leben dazu. Entscheidend sei, ihre Chancen bewusst zu nutzen, Risiken kritisch im Blick zu behalten und Kinder auf diesem Weg zu begleiten, statt sie mit der digitalen Welt allein zu lassen.   

Dr. med. Manfred Blütgen, Chefarzt der AMEOS Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Ueckermünde

Text: U. Hertzfeldt / Foto: Adobe Stock KI (1) ; ZVG (1)

ANZEIGE