Notfall oder nicht? Wie digitale Tools und KI helfen können

Wenn plötzlich Beschwerden auftreten, stehen viele Menschen vor der Frage: Hausarzt, Bereitschaftsdienst oder Notaufnahme? In den Notaufnahmen führt diese Unsicherheit zunehmend zu Überlastung – mit teils gravierenden Folgen für echte medizinische Notfälle. Michal Konopelski, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin bei AMEOS in Ueckermünde, erklärt im Interview, warum in der Notfallmedizin oft jede Minute zählt und wie digitale Angebote Menschen bei Entscheidungen unterstützen können.

Warum ist die Frage „Wann jede Minute zählt“ aus Ihrer Sicht aktuell so wichtig?

Weil in der Notfallmedizin tatsächlich gilt: Zeit ist Leben. Besonders bei akuten Ereignissen wie einem Herzinfarkt, Schlaganfall oder schweren Atemnotfällen entscheiden Minuten über Leben und Lebensqualität. Gleichzeitig erleben wir in den Notaufnahmen eine enorme Anzahl an Patientinnen und Patienten, bei denen kein dringlicher Notfall vorliegt. Das führt zu Verzögerungen, genau für jene, bei denen jede Minute zählt. 

Wann sollten Patientinnen und Patienten zuerst ihren Hausarzt aufsuchen – und warum?

Der Hausarzt kennt die Krankengeschichte seiner Patienten, das ist ein großer Vorteil. Leichte Infekte, chronische Beschwerden, Kontrolluntersuchungen oder planbare Diagnostik – das gehört in die hausärztliche Versorgung. Wer mit nicht-lebensbedrohlichen Symptomen gleich in die Notaufnahme geht, riskiert lange Wartezeiten und blockiert Kapazitäten für echte Notfälle.

Wann ist der ärztliche Bereitschaftsdienst (116 117) der richtige Ansprechpartner?

Wenn plötzlich Beschwerden auftreten, etwa Fieber oder Schmerzen und die Praxis des Hausarztes geschlossen ist. Der Bereitschaftsdienst ist für medizinische Probleme da, die nicht bis zur nächsten regulären Sprechzeit warten können, aber auch keine Notfälle sind.

 Welche Symptome sollten aus medizinischer Sicht immer direkt in die Notaufnahme führen?

Klassische Warnzeichen sind starke Brustschmerzen, Atemnot, Bewusstseinsverlust, Lähmungserscheinungen oder große Blutungen. In diesen Fällen zählt jede Minute, und eine schnelle Behandlung kann lebensrettend sein. Dann gilt: Nicht zögern – Notruf wählen oder direkt ins Krankenhaus.

 Können digitale Tools helfen,  Fehlentscheidungen von Patientinnen und Patienten zu reduzieren?

Absolut. Viele Menschen sind unsicher, wohin sie sich wenden sollen. KI-gestützte
Symptom-Checker können helfen, erste Einschätzungen zu treffen, um so unnötige Besuche in der Notaufnahme zu vermeiden. Sie sind kein Ersatz für eine ärztliche Diagnose – aber ein hilfreicher Kompass.

 Was können Systeme wie Ada oder Symptomate leisten – und was nicht?

Diese Tools erfassen Symptome strukturiert, stellen gezielte Fragen und geben am Ende Hinweise zur Dringlichkeit. Das kann die Eigenwahrnehmung verbessern und den Weg zur richtigen Versorgung erleichtern. Aber: Sie liefern keine Diagnose und können ärztliches Fachwissen nicht ersetzen.

 Kann KI künftig dabei helfen zu entscheiden, ob ein Brustschmerz harmlos oder lebensbedrohlich ist?

Das ist durchaus denkbar. Wenn künftig Vitaldaten, Vorerkrankungen und Symptome intelligent verknüpft werden, kann KI dabei helfen, gefährliche Verläufe frühzeitig zu erkennen – vielleicht sogar schon zu Hause oder beim Erstkontakt mit dem Gesundheitssystem.

 In welchen Bereichen wird KI heute bereits erfolgreich in der Medizin eingesetzt?

In der Radiologie, Onkologie und auch bei der Analyse großer Datenmengen für die Diagnostik ist KI heute schon ein fester Bestandteil. Sie erkennt Muster, die dem menschlichen Auge entgehen, und hilft, schneller zur richtigen Diagnose zu kommen.

 Wie verbessert KI die Diagnostik, etwa in der Bildgebung oder bei der Krankheitsvorhersage?

Beispielsweise kann KI Tumore auf MRT- oder CT-Bildern hochpräzise erkennen. Auch bei der Vorhersage von Krankheitsverläufen – etwa bei Diabetes oder Herzinsuffizienz – liefert sie wertvolle Hinweise. Damit werden Diagnosen nicht nur schneller, sondern auch sicherer.

 Wo sehen Sie die größten Chancen von KI für Patientinnen und Patienten?

In der besseren, personalisierten Versorgung. KI kann Therapiepläne an individuelle Bedürfnisse anpassen, Nebenwirkungen reduzieren und den Behandlungserfolg erhöhen. Gleichzeitig verbessert sie die Versorgung im ländlichen Raum durch digitale Tools.

 Wird KI den Arzt ersetzen – oder eher unterstützen?

Ganz klar: unterstützen. Medizin ist mehr als Datenanalyse. Es geht um Empathie, Verantwortung und komplexe Entscheidungen. Künstliche Intelligenz ist ein wertvolles Werkzeug, das Ärztinnen und Ärzte entlastet und ihnen hilft, sich wieder stärker den Patientinnen und Patienten zu widmen.

Michal Konopelski, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin

Text: hm      Foto: Adobe Stock (1) / AMEOS (1)

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