ADHS: Vom Zappelphilipp zum zerstreuten Professor

Stephanie Burian, Leitende Psychologin und Psychotherapeutin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am AMEOS Klinikum Ueckermünde, erklärt die Erkrankung.  

Viele kennen das Bild des „Zappelphilipp“ aus Kindertagen: unruhig, unkonzentriert, impulsiv. Was lange als reine „Erziehungsfrage“ galt, ist heute als medizinisches und psychologisches Krankheitsbild anerkannt: ADHS – die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Doch ADHS ist weit mehr als kindliche Unruhe. Sie begleitet ein Leben lang und löst bei Kindern und Erwachsenen einen erheblichen Leidensdruck aus, erklärt Stephanie Burian, Leitende Psychologin und Psychotherapeutin in Ueckermünde. 

Was ist ADHS eigentlich?

ADHS ist eine psychische Erkrankung, die durch Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität gekennzeichnet ist. Betroffene haben Schwierigkeiten, sich zu fokussieren, Impulse zu kontrollieren und ihre Energie zu regulieren. „Typische Anzeichen sind: Probleme, sich über längere Zeit zu konzentrieren, Vergesslichkeit und Schwierigkeiten mit Organisation und Planung, innere oder äußere Unruhe, impulsives Verhalten, etwa vorschnelles Handeln oder Unterbrechen anderer“, verdeutlicht die Psychologin. 

Wichtig: Jeder Mensch ist gelegentlich unkonzentriert oder unruhig. „Von ADHS spricht man jedoch erst, wenn diese Symptome über längere Zeit – mindestens sechs Monate – bestehen, bereits in der Kindheit begonnen haben und das Leben deutlich beeinträchtigen“, erklärt die Psychotherapeutin.

Mehr als ein „Kinderproblem“

ADHS beginnt immer im Kindesalter. Schon kleine Kinder können besonders aktiv sein, schnell die Aufmerksamkeit verlieren oder schwer zur Ruhe kommen. Im Schulalter zeigen sich dann zusätzlich Lernprobleme, Konflikte mit Gleichaltrigen oder ein geringes Selbstwertgefühl, erklärt Stephanie Burian. 

Anders als früher angenommen, „verwächst“ sich ADHS jedoch nicht einfach. Viele Symptome verändern sich im Laufe des Lebens: Während die äußere Unruhe im Erwachsenenalter oft abnimmt, bleibt die innere Getriebenheit bestehen. Erwachsene berichten häufig von chaotischen Alltagsstrukturen, Schwierigkeiten im Beruf oder instabilen Beziehungen, weiß die Psychologin.

Wie entsteht ADHS?

Die Ursachen sind vielfältig. Heute geht man von einem Zusammenspiel mehrerer Faktoren aus: genetische Veranlagung (ADHS tritt familiär gehäuft auf), Veränderungen im Gehirnstoffwechsel, insbesondere im Dopaminsystem, Schwierigkeiten in der Selbstregulation von Aufmerksamkeit und Impulsen, Umweltfaktoren, wie Stress oder ungünstige Lebensbedingungen. Ein einzelner Auslöser lässt sich in der Regel nicht benennen – ADHS ist ein sogenanntes „multifaktorielles“ Krankheitsbild, erklärt Stephanie Burian. 

Häufig – aber oft missverstanden

ADHS ist keine seltene Erkrankung. Etwa 3 bis 8 Prozent der Kinder und rund 3 Prozent der Erwachsenen sind laut Weltgesundheitsorganisation  betroffen. Jungen werden häufiger diagnostiziert als Mädchen.

Gleichzeitig würden viele Mythen kursieren, unter anderem in sozialen Medien. Dort werde ADHS teilweise verharmlost oder sogar als „Superkraft“ dargestellt. „Tatsächlich berichten viele Betroffene jedoch von erheblichem Leidensdruck – etwa durch schulische Misserfolge, berufliche Probleme oder soziale Konflikte“, so die Leitende Psychologin.

Mögliche Begleiterkrankungen

ADHS tritt oft nicht allein auf. Begleiterkrankungen können. Angststörungen und Depressionen, Suchterkrankungen, Lern- und Entwicklungsstörungen bei Kindern, Schlafprobleme oder körperliche  Beschwerden  sein.    Diese     können die Diagnose erschweren und sollten in der Behandlung mit berücksichtigt werden.

Wie wird ADHS festgestellt?

Die Diagnose erfolgt nicht durch einen einzelnen Test, sondern durch eine medizinische und psychologische Untersuchung. Dazu gehören unter anderem klinische Interviews, Gespräche mit Angehörigen und Verhaltensbeobachtungen sowie psychometrische Tests. Entscheidend sei, dass die Symptome in verschiedenen Lebensbereichen auftreten – etwa in Schule oder Beruf, Familie und Freizeit.

Behandlung: Viele Wege führen zum Ziel

Die Behandlung von ADHS ist ein langfristiger Prozess und erfordert einen multimodalen Ansatz. Meist werden eine Aufklärung über die Erkrankung, psychotherapeutische Methoden und praktische Alltagsstrategien kombiniert, um Struktur, Konzentration und Selbstkontrolle zu verbessern, weiß die Psychologin aus dem Klinikalltag. „Ebenso können auch ergänzend Medikamente zu einem positiven Behandlungsverlauf beitragen“, sagt die Psychotherapeutin. Darüber hinaus können sich Bewegung, ausreichend Schlaf und ein bewusster Medienkonsum positiv auf den Alltag auswirken.

Trotz aller Herausforderungen haben viele Betroffene auch besondere Stärken, wie z. B. Kreativität, Begeisterungsfähigkeit, viel Energie und Ehrlichkeit.

Fazit: ADHS ist eine ernstzunehmende, aber behandelbare Erkrankung. „Der Leidensdruck der Betroffenen lässt sich verringern und sie lernen durch vermittelte hilfreiche Strategien, mit der Erkrankung besser umzugehen“, stellt die Leitende Psychologin in Aussicht.

Stephanie Burian, Leitende Psychologin und Psychotherapeutin

Text: UH / Fotos: Adobe Stock (1), AMEOS 1

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