Harald Viestenz (zweiter von links) mit der SHG Torgelow

Kommentar: Physisch gesund, psychisch krank – Corona und was es mit uns macht

Die anhaltenden Einschränkungen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie wirken sich in verschiedenen Bereichen unseres Lebens aus. Harald Viestenz von der Selbsthilfegruppe Schlaganfall Torgelow hat seine Gedanken zu diesem Thema in einem Kommentar aufgeschrieben: 

Inzidenzzahlen werden wie Unwetterwarnungen proklamiert und mit der Zahl der Intensivbettenbelegung wird gebetsartig darauf hingewiesen, wie notwendig doch die Maßnahmen sind. Es steht ja außer Frage, dass eine Cornavirusinfektion einen schweren Krankheitsverlauf nach sich ziehen kann. Aber muss sich alles und müssen sich alle dem bedingungslosen Erhalt unserer physischen Gesundheit unterordnen? Die Regierung fleht uns im Auftrag von Virologen und Epidemiologen mit Engelszungen an: Reduzieren sie ihre Kontakte, bleiben sie zu Hause, treffen sie möglichst niemanden! Ist es aber gerechtfertigt dem Erhalt unserer physischen Gesundheit unsere psychische Gesundheit zu „opfern“.

Viele Menschen sagen: Da müssen wir jetzt durch, es kommen auch wieder bessere Zeiten. Das stimmt wohl für den, der da stark und selbstbewusst durch´s Leben geht. Was ist aber mit den Menschen, die durch diverse Vorerkrankungen mit der Situation nicht so gut zurecht kommen. In den Gesetzen und Verordnungen zur Pandemiebekämpfung kommen sie nicht vor. Persönlich spreche ich hier von Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen (MEH), die durch einen Schlaganfall entstanden sind. Da ich wegen der Erkrankung meiner Ehefrau selbst „betroffen“ bin und ich durch die langjährige ehrenamtliche Tätigkeit in dieser Selbsthilfegruppe (SHG) viel Erfahrung habe, weiß ich wovon ich spreche. Gerade diese Treffen sind für viele von so großer Bedeutung.

Menschliche Nähe und soziale Kontakte sind für uns als Betroffene, dazu gehören auch die Angehörigen, extrem wichtig. Für viele war es eine große Herausforderung, in Folge ihrer Erkrankung überhaupt wieder ins Leben zurück zu finden. Das alles steht jetzt für den einen oder anderen auf der Kippe. Menschen mit schweren neurologischen Erkrankungen, wie es der Schlaganfall eine ist, lernen nur durch das regelmäßige Wiederholen von Tätigkeiten ihre Alltagskompetenz zurück zu erlangen und diese dann auch zu behalten. Hier zu unterbrechen, kann den kompletten Verlust von Wiedererlerntem bedeuten. Gerade den Aphasiker, also Menschen mit Sprech- und Sprachstörungen, fehlt eine kommunikative Zusammenkunft unter Gleichen besonders! Das „ewige“ Alleinsein ohne wirkliche Kommunikation hinterläßt seine Spuren.

Neben den ärztlich verordneten Therapien haben diese Kontakte und ein funktionierendes soziales Umfeld für Betroffenen eine besondere Bedeutung. Der „Schaden“, der hier eventuell entstehen kann, ist immens, aber für Menschen außerhalb dieser „Community“ nicht wirklich erkennbar.
Abschließend möchte ich sagen, dass die Kontaktbeschränkungen bestimmt Sinn machen, aber ich glaube nicht, dass auch jeder Kontakt eine weitere Verbreitung des Coronavirus bedeuten muss. Die Regierenden haben durch Gesetze und Verordnungen das Recht auf ihrer Seite. Das bedeutet aber nicht, dass es immer gerecht ist! Ich denke, wenn wir jetzt alles unserer physischen Gesundheit unterordnen, werden wir in Zukunft mit vielen, nicht beherrschbaren, psychischen Problemen zu kämpfen haben. Das kann keiner wollen!

Harald Viestenz

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