Pflegereform: „Am Ende trifft es die Schwächsten unserer Gesellschaft“

Die geplante Pflegereform sorgt bei Pflegebedürftigen, Angehörigen und ambulanten Pflegediensten für Verunsicherung. Welche Folgen könnten die vorgesehenen Änderungen haben? Im Interview spricht Karsten Eggert, Geschäftsführer des Pflegedienstes Karsten Eggert – Ambulante Pflege & Betreuung, über die Sorgen. Er sieht die Pläne kritisch und warnt vor möglichen Versorgungslücken und gefährdeten Arbeitsplätzen. Gleichzeitig betont er, dass es sich zunächst um einen Gesetzesentwurf handelt, der noch verändert werden kann.

Herr Eggert, welche Veränderungen bereiten Ihnen besonders große Sorgen?

Besonders kritisch sehe ich die geplanten Veränderungen für Menschen mit Pflegegrad 1. Wir haben sehr viele Klientinnen und Klienten, die unsere Unterstützung bei der Haushaltsführung und Betreuung in Anspruch nehmen. Diese Hilfe ermöglicht ihnen, möglichst lange selbstständig in ihrer eigenen Wohnung zu leben.

Wenn bisherige Finanzierungsmöglichkeiten wegfallen, drohen Versorgungslücken. Wer sich die Leistungen nicht privat leisten kann und keinen höheren Pflegegrad erhält, könnte ohne die bisherige Unterstützung dastehen. Das bereitet mir große Sorgen.

Was bedeutet die geplante Änderung für die Verhinderungspflege?

Auch hier sehe ich Probleme. Die Verhinderungspflege soll in ihrer bisherigen Form verändert werden. Dadurch könnten sich Finanzierung und Antragstellung verändern.

Gerade wenn pflegende Angehörige kurzfristig ausfallen oder Entlastung benötigen, muss Hilfe unkompliziert möglich sein. Zusätzliche bürokratische Hürden könnten die Versorgung erschweren, statt sie zu verbessern.

Welche Auswirkungen könnten die geplanten Änderungen bei der Begutachtung haben?

Nach den derzeit diskutierten Plänen sollen die Schwellenwerte für die Einstufung in einen Pflegegrad angehoben werden. Dadurch könnte es für manche Menschen schwieriger werden, einen Pflegegrad zu erhalten. Der tatsächliche Unterstützungsbedarf muss aber weiterhin im Mittelpunkt stehen.

Wer bei sich selbst oder bei Angehörigen einen zunehmenden Hilfebedarf feststellt, sollte sich deshalb noch in diesem Jahr beraten lassen. Es kann sinnvoll sein, einen Erstantrag oder einen Antrag auf Höherstufung zu stellen, wenn die Voraussetzungen dafür vorliegen. Mein Rat ist: Nicht unnötig warten, sondern den Anspruch prüfen und sich fachkundig beraten lassen.

Wie beurteilen Sie die Pflegereform insgesamt?

Nach dem derzeit bekannten Stand sehe ich die Gefahr, dass Leistungen eingeschränkt, Zugänge zur Unterstützung erschwert und Kosten auf die Betroffenen verlagert werden. Eine wirkliche Reform sollte Pflegebedürftige und Angehörige entlasten, Bürokratie abbauen und die ambulante Versorgung stärken.

Das Thema ist allerdings sehr komplex. Vielen Menschen ist noch gar nicht klar, was die diskutierten Änderungen für ihren Alltag bedeuten könnten. Deshalb ist es mir wichtig, frühzeitig aufzuklären – ohne unnötige Ängste zu erzeugen, aber auch ohne mögliche Konsequenzen zu verharmlosen.

Welche Folgen könnte das für Ihren Pflegedienst und Ihre Mitarbeiter haben?

Wenn Klienten bestimmte Leistungen künftig nicht mehr finanzieren können oder bisherige Finanzierungsmöglichkeiten wegfallen, könnte das erhebliche wirtschaftliche Folgen für unseren Pflegedienst haben. Aufträge könnten verloren gehen und im schlimmsten Fall Arbeitsplätze gefährdet werden.

Dabei betrifft es nicht nur unseren Pflegedienst, sondern potenziell alle ambulanten Pflege- und Betreuungsdienste in der Region und bundesweit. Die Auswirkungen könnten weitreichend sein – sowohl für die Beschäftigten als auch für die Versorgung älterer Menschen.

Ich glaube, dass diese Tragweite in der Politik noch nicht überall ausreichend erkannt wird. Es geht nicht nur um wirtschaftliche Zahlen, sondern um Arbeitsplätze und um die Frage, ob Pflegebedürftige weiterhin die Unterstützung erhalten, die sie benötigen.

Wir werden alles daransetzen, unsere Mitarbeiter weiter zu beschäftigen und unsere Klienten bestmöglich zu versorgen. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass die möglichen Folgen für die gesamte ambulante Pflege ernsthaft geprüft werden, bevor endgültige Entscheidungen getroffen werden.

Gibt es noch Möglichkeiten, die geplanten Änderungen zu beeinflussen?

Ja, und genau deshalb ist es wichtig, die Diskussion jetzt zu führen. Wir müssen deutlich machen, welche Auswirkungen die geplanten Regelungen in der Praxis haben könnten. Pflegebedürftige, Angehörige, Pflegedienste und ihre Interessenvertretungen sollten gemeinsam auf mögliche Probleme aufmerksam machen.

Dabei muss aber klar sein: Derzeit handelt es sich zunächst um einen Gesetzesentwurf, der noch nicht endgültig beschlossen ist. Im weiteren Verfahren können die vorgesehenen Regelungen noch verändert werden. 

Was wünschen Sie sich von der Politik?

Ich wünsche mir eine Pflegereform, die diesen Namen auch verdient: eine verlässliche Finanzierung, weniger Bürokratie und eine Versorgung, die sich am tatsächlichen Bedarf der Menschen orientiert.

Ältere Menschen dürfen nicht deshalb ohne Unterstützung bleiben, weil sie sich notwendige Hilfe nicht leisten können. Ebenso müssen pflegende Angehörige entlastet und die Arbeitsplätze in der Pflege geschützt werden.

Wir werden die weitere Entwicklung aufmerksam verfolgen, uns auf mögliche Veränderungen vorbereiten und alles daransetzen, unsere Klienten weiterhin bestmöglich zu versorgen.

Karsten Eggert

Text: Interview HAFF media / Fotos: KI; HAFF media

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