Mit großer Anteilnahme fand gestern, 27. Januar, dem internationalen Gedenktag für die Opfer des Holocaust, der Marsch des Lebens, in Ueckermünde statt. Zahlreiche Bürgerinnen und Bürger folgten der Einladung, um gemeinsam der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken und ein Zeichen gegen Antisemitismus und Ausgrenzung zu setzen.
Der Marsch startete um 16 Uhr mit bewegenden Worten von Gudrun Sandhofe von der der Ueckermünder Arche am Parkplatz Ueckerpark und führte entlang der Stolpersteine und historischer Gedenkorte durch die Innenstadt. Schülerinnen und Schüler der 10. Klasse der Regionalen Schule „Ehm Welk“ verlasen an den Stationen Gedenkworte zu den Schicksalen ehemaliger jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger. Der Rundgang endete gegen 16:45 Uhr im Bürgersaal, wo die zentrale Gedenkveranstaltung stattfand.
Die Veranstaltung wurde musikalisch von Ulrich Maria Kellner umrahmt. Ueckermündes Bürgermeister Jürgen Kliewe begrüßte die Anwesenden und führte in die Veranstaltung ein. Er berichtete von der Vorbereitung mit der 10. Klasse der Regionalen Schule Ehm-Welk, bei der er selbst eine Unterrichtsstunde übernommen hatte. Auch hier wurde die Frage gestellt, wie die Schüler heute damit umgehen würden, wenn sie plötzlich nicht mehr mit einem Freund sprechen oder spielen zu dürfen, weil dieser als Jude ausgegrenzt wird?
In seinem Grußwort betonte Stadtpräsident Robert Kriewitz, dass der Marsch des Lebens ein bewusstes Innehalten in einer immer schneller werdenden Zeit sei. Stolpersteine würden im Alltag oft übersehen, dabei trügen sie Namen und stünden für Menschen, die nicht wegen einer Tat, sondern allein wegen ihres Jüdischseins verfolgt, entrechtet und ermordet wurden. Kriewitz rief dazu auf, nicht wegzusehen, sondern Haltung zu zeigen und gerade dann, wenn es unbequem werde.
Stefan Fiedler, Krankenhausdirektor der AMEOS-Gruppe, sprach über die Aufarbeitung der Geschichte der Ueckermünder Heilanstalt in der Zeit von 1933 bis 1945. Rund 4.000 Menschen seien dort Opfer der nationalsozialistischen Euthanasie-Politik geworden. Die Nationalsozialisten hätten Menschen als „Ballastexistenzen“ bezeichnet, die nicht in den vermeintlichen Produktivprozess passten. In der Forschungsarbeit von Frau Dr. Haack wurde diese Geschichte anhand vorhandener Patientenakten von 1875 bis 1954 sichtbar gemacht. Die Aufarbeitung ist Grundlage für die Schaffung einer Erinnerungskultur von Ueckermünde bis nach Polen.
Herr Hoffmann von der Marsch-des-Lebens-Organisation machte deutlich, dass Antisemitismus keine abgeschlossene Geschichte sei, sondern auch heute existiere. Antisemitismus lebe vom Wegsehen und vom Schweigen. Dass jüdische Synagogen in Europa unter Polizeischutz stehen müssten, sei ein alarmierendes Zeichen. Er erinnerte daran, dass der Holocaust mit Spott und Ausgrenzung begonnen habe und durch Schweigen möglich wurde. In diesem Zusammenhang zitierte er Albert Einstein, der 1933 vor dem NS-Regime fliehen musste: „Die Welt wird nicht von denen bedroht, die böse sind, sondern von denen, die das Böse zulassen.“
Ein weiterer bewegender Moment war das Grußwort der Familie Ritterband, das von Herrn Besteck verlesen wurde. Die Nachfahren erinnerten an ihre Reise zu den Ursprüngen ihrer Familie nach Ueckermünde und an die Stolpersteinverlegung in der Wallstraße. Diese Erfahrung sei ein Beweis für die Kraft historischer Wahrheit und für das, was entstehen könne, wenn Menschen sich für Gerechtigkeit und echte Freundschaft entscheiden.
Per Videobotschaft meldete sich Shlomo Ruschin, Nachfahre der Familie Ruschin. Er dankte der Marsch-des-Lebens-Organisation für die lebendige Erinnerungskultur und den Einsatz gegen Antisemitismus. Sein Vater sei 1923 in Ueckermünde geboren worden und habe im Alter von 16 Jahren fliehen müssen. Ruschin wies darauf hin, dass viele Jüdinnen und Juden in Europa heute wieder ihre Identität verstecken müssten und jüdisches Leben zunehmend bedroht sei.
Nach weiteren musikalischen Beiträgen und persönlichen Lebensberichten endete die Veranstaltung gegen 17:30 Uhr.
Der Marsch des Lebens 2026 in Ueckermünde machte eindrücklich deutlich: Erinnerung ist keine Pflichtübung, sondern eine gemeinsame Verantwortung – für die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft.
