Wenn Kindern und Jugendlichen immer mehr die Worte fehlen

Dr. med. Manfred Blütgen, Chefarzt der AMEOS Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, nennt Gründe für zunehmende Sprachstörungen.

In Schulen und Kindertagesstätten zeigt sich seit einigen Jahren ein deutliches Bild: Sprech- und Sprachentwicklungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen nehmen in Deutschland zu. Das bestätigt auch Dr. med. Manfred Blütgen, Chefarzt der AMEOS Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Ueckermünde. Immer häufiger begegnen ihm Kinder, die Schwierigkeiten haben, sich sprachlich auszudrücken oder gesprochene Sprache richtig zu verstehen.

Corona-Pandemie und Mediennutzung als Treiber

Für diese Entwicklung gibt es verschiedene Gründe. Eine Rolle spiele die Corona-Pandemie, sagt Chefarzt Dr. Blütgen. Die langen Phasen eingeschränkter Kontakte hätten Kindern die natürlichen Kommunikationserfahrungen genommen – Begegnungen, Gespräche, gemeinsames Spielen. 

Hinzu komme der zunehmende Medienkonsum. Ein Kollege habe es einmal treffend formuliert: „Es sind keine sozialen Medien, es sind digitale Medien.“

Sprachentwicklung beginnt im Kinderwagen

Dr. Manfred Blütgen betont, wie früh sprachliche Entwicklung ansetzt: „Sprachförderung beginnt zu Hause – schon mit der Kommunikation im Kinderwagen.“ So schreiben heute beispielsweise Eltern beim Spaziergang Nachrichten auf dem Smartphone. Auch beim Essen übernimmt das Tablet manchmal die Rolle des Gesprächspartners. Dabei ist das genaue Gegenteil wichtig: Blickkontakt, Worte, Interaktion. Erzieherinnen, Erzieher und Lehrkräfte tun viel, um Sprachentwicklung zu fördern: „Aber die Hauptverantwortung liegt bei den Eltern“, so der Chefarzt. Sprache sei ein soziales Medium –  eines, das Kinder nur durch echte, unmittelbare Kommunikation erlernen.

Mehr als Sprache: Motorik und Emotionen betroffen

Neben sprachlichen Entwicklungsstörungen beobachtet Chefarzt Dr. Blütgen auch eine Zunahme von Auffälligkeiten in der Fein- und Grobmotorik sowie bei emotionalen Kompetenzen. Aus unbehandelten Entwicklungsproblemen könnten später z. B. Schulversagen, Ängste oder Depressionen entstehen.

In der Klinik selbst werden Kinder und Jugendliche zwar nicht wegen einer reinen Sprachentwicklungsstörung stationär aufgenommen, jedoch wegen möglicher Folgen. Und dort zeigt sich deutlich: Sprachliche Defizite begleiten viele Krankheitsbilder.

Vorbildfunktion der Eltern entscheidend

Umso wichtiger sei ein bewusster Umgang mit Medien im Familienalltag. Eltern müssten zeigen, wie es geht: „Sie sind die Vorbilder.“ Ein eigenes Smartphone empfiehlt Chefarzt Dr. Blütgen frühestens im höheren Grundschulalter und auch dann nur mit enger zeitlicher und begleiteter Nutzung.

Denn auch wenn jede Zeit ihre Herausforderungen hat, schreitet die Entwicklung digitaler Angebote rasant voran. „Ein differenzierter Umgang mit Medien ist notwendig“, sagt der Chefarzt. Und er ist überzeugt: Weniger Bildschirmzeit täte auch der Sprache gut. Dann würde beim Abendbrot wieder mehr erzählt, gelacht oder generell gemeinsam gespielt werden.

Kommunikation heilt – auch im Klinikalltag

Im Klinikum Ueckermünde zeigt sich, wie stark echte Begegnung wirkt. Während des stationären Aufenthalts profitieren die jungen Patientinnen und Patienten von Gesprächen mit dem Behandlungsteam. Häufig sei schon nach wenigen Wochen eine Verbesserung der sprachlichen Fähigkeiten erkennbar. 

Anschließend werden die Familien an passende Nachsorgesysteme vermittelt, um die Entwicklung weiter zu fördern. 

Die Zunahme sprachlicher Entwicklungsstörungen ist spürbar, sagt Dr. Manfred Blütgen, aber auch, dass Kinder enorme Fortschritte machen können, wenn man ihnen Zeit, Zuwendung und echte Kommunikation schenkt.

Text: U. Hertzfeldt     Fotos: Adobe Stock / ZVG

Dr. med. Manfred Blütgen, Chefarzt der AMEOS Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Ueckermünde
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